Karl und Albert Niedermann: Eine Zürcher Erfolgsgeschichte im 20. Jahrhundert

“Alles fing mit dieser Ledermappe an.” Schon mit dem ersten Satz gewann Thomas Niedermann das ungeteilte Interesse aller Zuhörer/-innen und das änderte sich die folgende 45 Minuten nicht. Sympathisch, kenntnisreich und mit ansteckender Authentizität berichtete er von seinem Grossvater Karl Niedermann (1874-1959) und seinen Grossonkel Albert Niedermann (1875-1957), die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als kompetente Metzger und risikobereite, geschäftstüchtige Liegenschaftskäufer ein beachtliches Vermögen erwirtschafteten. Von ihrer Geschichte, die auch eine Geschichte von “Katholisch Zürich” ist, zeugt auch ein kürzlich publiziertes Buch.

Die beiden Ostschweizer Bauernsöhne und Metzgergesellen, die in Bütschwil (Kanton St. Gallen) aufgewachsen waren, schafften den Aufstieg in das gehobene Bürgertum der Stadt Zürich und genossen hohes Ansehen. Diese Ledermappe mit über 100 handschriftlichen Briefen, diversen Geschäftspapieren und vor allem mit Kassenbüchern, in denen der Grossvater alle Einnahmen und Ausgaben fein säuberlich eingetragen hatte, war eine erste wichtige Grundlage für das sehr schön aufbereitete und gestaltete Buch. Es ist ebenso ein familiäres wie zeitgeschichtliches Zeugnis über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Familiäre Unterstützung und viel unternehmerische Risikobereitschaft

12jährig war Thomas Niedermann, als sein Grossvater starb. Gut erinnert er sich deshalb an diese in- und ausserhalb der Familie hoch angesehene Persönlichkeit. Dazu ein mehr als aussagekräftiges Detail: Wenn der Grossvater zu Besuch kam, wurde ihm sein für ihn reservierter, prächtiger Polsterstuhl oben an den Tisch gestellt. Auch Besuche in der Villa des Grossvaters in Zürich, oder im nicht minder schönen Ferienhaus im Tessin, der “Villa Ramona”, gehören zu den vielen Erinnerungen. Dieses Buch, ergänzte er, sei für ihn auch eine Erlösung, da er nun nachvollziehen könne, wie der Grossvater, bis ins hohe Alter der Patron der Grossfamilie, den Aufstieg geschafft habe. Auch an den weit ruhigeren Grossonkel Albert erinnert er sich sehr wohl. Albert Niedermann, der spät heiratete und kinderlos blieb, wirkte meist im Hintergrund. “Mein Vater”, so erzählte Thomas Niedermann, “schätzte seinen Onkel Albert sehr.” Er sprach wenig, hörte aber genau zu und war so ein wertvoller Gesprächspartner für seinen Vater, der das Metzgereigeschäft von 1946 bis 1969 leitete und auf dessen Ratschlag er sich, wie zuvor der Grossvater, gerne verliess.

Den Grundstein für ihr beachtliches Vermögen legten die beiden Brüder mit dem Kauf ihrer ersten Metzgerei im Jahr 1902, dem bereits 1906 der Kauf der Metzgerei am Münzplatz und damit im Herzen von Zürich folgte. Ermöglicht wurden diese Investitionen durch eine Bürgschaft auf den elterlichen Hof und durch Darlehen der Familie der früh verstorbenen ersten Ehefrau von Karl Niedermann. Dazu kamen die eigene Tüchtigkeit als Metzger und Unternehmer sowie harte Arbeit und Sparsamkeit. Zudem half ihnen in all diesen ereignisreichen und oft sehr anstrengenden Jahren, trotz mancher Rückschläge, auch das verdienten Glück des Tüchtigen.

“Fragte weder nach Konfession noch Weltanschauung”

Ihre Metzgerei trugen sie übrigens als “Metzgerei und Bratwursterei” im Handelsregister ein, weil Wurstwarengeschäfte auch am Sonntag geöffnet sein durften. Man merke, diese zwei Brüder waren auch gewitzte Kaufleute. Die Metzgerei am Münzplatz blieb immer der wirtschaftliche Mittelpunkt ihrer Unternehmen. Bis zu 150 Mitarbeitende zählten die diversen Metzgereien auf Stadtgebiet, und viele arbeiteten in ihrem Untergrund, in dem die Brüder, mitten in Zürich, das Fleisch verarbeiteten. Im NZZ-Archiv findet sich eine literarische Reportage aus dem Jahr 1956, eine Trouvaille, die diesen heute unvorstellbaren Grossbetrieb im Untergrund sehr anschaulich beschreibt. Den Link finden Sie hier.

Obwohl privat ganz im katholischen Milieu beheimatet, gelang es ihnen, sich im mehrheitlich protestantischen Zürich ohne äusserlich sichtbare Schwierigkeiten gesellschaftlich und beruflich zu integrieren. Die meisten ihrer Angestellten, die meisten ihrer Kunden, viele ihrer Geschäftspartner und sogar viele derjenigen, die von ihrer Grosszügigkeit profitierten, waren Protestanten. Doch Karl fragte, so lobte ein Leserbriefschreiber nach seinem Tod in der NZZ , “weder nach Konfession noch nach Weltanschauung”.

Auffallend ist, dass sich viele der Immobilien, die sie im Laufe ihres Lebens kauften, an bester Lage befanden. Und beide Brüder lebten ab den 1920er Jahren in grossbürgerlichen Häusern oder Wohnungen, ohne ihre gewohnte Sparsamkeit und den sorgfältigen Umgang mit Geld und Wertgegenständen auch nur im Geringsten aufzugeben. Kein Kauf drückte wohl ihren sozialen und finanziellen Aufstieg so sehr aus wie der Erwerb des Uetlibergs im Jahr 1935. Die Journalistin Fiammetta Devecchi, welche die Kapitel über die Familiengeschichte geschrieben hat, hält dazu fest: “Vielleicht symbolisiert der Erwerb des ‘Hausbergs der Stadt’ den Höhepunkt des Aufstiegs der Katholiken aus dem Toggenburg im reformierten Zürich”. Während 38 Jahre blieb dieses Zürcher Wahrzeichen im Besitz der Familie.

Zwei Stiftungen im Dienste der Gesellschaft

Als die Brüder 1946 die Geschäfte an die nächste Generation weitergaben, teilten sie alles fifty-fifty, soweit sie noch gemeinsam als Eigentümer zeichneten. Der kinderlose Albert und seine Frau beschlossen, ihr Erbe in zwei Stiftungen einzubringen, die bereits zu ihren Lebzeiten und auch heute noch segensreich wirken. Wie Thomas Niedermann im dritten Teil dieses spannenden Gesprächs erläuterte, werden beide Stiftungen bald von Nachkommen der vierten Generation geprägt sein, da er und sein Cousin Karl Niedermann-Dolaj altershalber ausscheiden. Und da sie in den Stiftungen die letzten Nachkommen sind, die persönliche Erinnerungen an diese beiden beeindruckenden Persönlichkeiten haben, stellt das Buch über die Geschichte von Karl und Albert Niedermann auch ein inhaltliches und ideelles Vermächtnis an diese ungleichen, aber sich sehr gut ergänzenden Brüder dar.

Die Albert Niedermann-Hartmann-Stiftung widmet sich bis heute der Unterstützung und Förderung gemeinnütziger und karitativer Werke der römisch-katholischen Bevölkerung der Stadt Zürich, während die Albertus-Magnus-Stiftung vor allem die “Erziehung der reiferen Jugend durch Errichtung von Bildungsstätten” und Schulen bezweckt. So ist diese Stiftung auch Besitzerin des Grundstücks der Freien Katholischen Schulen am Stadelhofen und die wichtigste private finanzielle Stütze der Schule. Ohnehin ist der weitaus grösste Teil des Vermögens der beiden Stiftungen in Liegenschaften angelegt und zahlreichen religiösen Organisationen bieten die beiden Stiftungen günstige Arbeitsbedingungen. Es ist dies eine Tradition, die schon die Gründer, Albert und Ida Niedermann-Hartmann, eingeleitet hatten.

Die Anwesenden bedankten sich mit lang anhaltendem Applaus für die interessanten und spannenden Ausführungen von Thomas Niedermann. Der Kauf und vor allem die Lektüre dieses Buches sei allen wärmstens empfohlen. Das Buch bietet einen lebendigen Einblick in die Geschichte Zürichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am Beispiel einer Familie, die sich ihren Platz an der Sonne, genauer gesagt auf dem Münzplatz, erkämpfte und von dort aus (fast) ganz Zürich eroberte. Sehr anschaulich zeigt auch der Wirtschaftshistoriker Markus Brühlmeier die wirtschaftliche Seite dieser Erfolgsgeschichte auf und stellt die vorhandenen Geschäftsunterlagen in den Kontext der Zeit.

Fiammetta Devecchi / Markus Brühlmeier, Metzgerei Münzplatz-Augustinergasse. Die Geschichte der Gebrüder Karl und Albert Niedermann. Zürich 2021 (194 Seiten). Erhältlich bei Albertus Magnus-Stiftung unter E-Mail albertus-magnus@bluewin.ch.

Fotos Levente L. Dobszay

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