«Angesichts des Nicht-Wissens in der aktuellen Krise sollten wir vorsichtig und bescheiden, ja demütig bleiben.»

Odilo Noti ist seit 2018 Präsident der Stiftung Weltethos Schweiz.            Foto: Pia Zanetti

Für den 26. März 2020 war ein Vortrag mit Dr. Odilo Noti geplant, zu dem der Club Felix und die VCU Zürich eingeladen hatten. Anstelle des Vortrags stellte sich Odilo, den ich seit vielen Jahren kenne und schätze, für ein Interview zur Verfügung. Das schriftlich geführte Gespräch umfasst drei Themenbereiche: Prägende Erfahrungen als katholischer Theologe und gebürtiger Walliser; pointierte und fundierte Überlegungen zu den aktuellen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie sowie die Bedeutung des Weltethos im Sinne von Dr. h.c. h.c. Hans Küng. Odilo Noti ist seit 2018 Präsident der Stiftung Weltethos Schweiz. Sie können das Interview auch als PDF (8 Seiten) herunterladen: Gespräch mit Odilo Noti

Teil I des Gesprächs: Einblicke in sein Denken und seine Herkunft

Roland Gröbli: Du bist Theologe und hast über den deutschen Philosophen Immanuel Kant promoviert. Was bedeutet Dir dieses Studium heute noch? Inwiefern prägt es Deine geistige Sicht?

Odilo Noti: «Mein Theologiestudium habe ich während der siebziger Jahre in Freiburg (Schweiz), in Tübingen und in Münster (beide Deutschland) absolviert. An den Theologischen Fakultäten herrschte in jener Zeit ein Geist des Aufbruchs und der Offenheit. Das Angebot war hochstehend und intellektuell anregend. Neben welt- und gesellschaftsoffenen Dogmatikern und Ökumenikern wie Karl Rahner und Hans Küng gab es die Vertreter der politischen Theologie, Johann Baptist Metz oder Jürgen Moltmann, Befreiungstheologen wie Gustavo Gutiérrez und Jon Sobrino, die feministischen Theologinnen Dorothee Sölle und Elisabeth Schüssler Fiorenza oder die französischen Dominikaner Yves Congar und Marie-Dominique Chenu.

Ich hatte das grosse Glück, sie alle persönlich zu kennen. Sie haben mein theologisches Bewusstsein geformt. Mit vielen meiner damaligen Kommilitonen aus Deutschland, Afrika oder Lateinamerika bin ich bis heute freundschaftlich verbunden. Katholisch zu sein, das bedeutet für mich seit dieser Zeit geistige Weite, kosmopolitische Orientierung und gesellschaftlich-politische Verantwortung.»

Seit Dezember 2018 bist Du pensioniert. Zuvor warst Du 30 Jahre lang bei Caritas Schweiz, in der Geschäftsleitung und verantwortlich für die Kommunikation dieses Hilfswerkes …

Odilo Noti: «Der Zusammenhang von theologisch-religiösen Überzeugungen und sozialer Verpflichtung, das Interesse an Fragen der Diakonie und die kirchliche Notwendigkeit des gesellschaftlichen Engagements führten mich nach meiner Assistentenzeit an der Universität Freiburg zur Caritas Schweiz in Luzern. Im Rückblick bin ich dankbar dafür, dass es den Gremien, der Geschäftsleitung und den Mitarbeitenden gelungen ist, die Caritas zum führenden Schweizer Hilfswerk in Sachen Armutsbekämpfung weiterzuentwickeln. Sie ist auch eine der wenigen Organisationen, die es geschafft haben, über das katholische Milieu hinauszugelangen und zu wachsen.»

Du bist von der Herkunft her Walliser, Du bist stärker geprägt vom ruralen Existenzkampf als von der urbanen Genuss- und Erlebniskultur …

Odilo Noti: «Da geht mir jede Ursprungsromantik ab. Im Gegenteil, ich halte es mit dem jüdischen Aufklärer Moses Mendelssohn, der seinen Weggang aus seiner Geburtsstadt Dessau nach Berlin 1742 als persönlichen und irreversiblen Schritt zur Aufklärung sah. Etwas pointiert gesagt: Wer vom Land in die Stadt abwandert, der weiss, woher er kommt, und genau deshalb möchte er nicht mehr dorthin zurück.

Von meinen neun Geschwistern ist nur eine Schwester ins Oberwallis zurückgekehrt, alle andern sind nach Freiburg, Bern, Luzern, Zürich oder Sidney abgewandert. Interessant ist die Internationalisierung der Familie. Dazu gestossen sind Deutsche, Belgier, Franzosen und Niederländer.

Auch der konfessionelle Wandel ist aufschlussreich: Ein Drittel meiner Neffen und Nichten ist evangelisch. Und ein letztes: Binnenmigranten wie mir fällt auf, wie provinziell die Städter manchmal sind. Wer in Zürich oder Basel geboren ist, kann sich kein Leben ausserhalb dieser Städte vorstellen. Das wundert mich doch sehr.»

Im persönlichen Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart: Welche Erfahrungen und Denktraditionen sind Dir besonders wichtig?

Odilo Noti: «Drei Grundelemente haben mich geprägt. Zum einen der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ich verstehe dieses Konzil, das nach den Worten von Johannes XXIII. ein balzo innanzi, «ein Sprung vorwärts» sein sollte, nicht als eine abgeschlossene Kirchenveranstaltung mit einer Dokumentensammlung, sondern als «Anfang eines Anfangs», der auf Fortsetzung und Weiterentwicklung angewiesen ist. Und manchmal braucht es eben auch Sprünge vorwärts oder Neuanfänge. Die Debatte um den unsäglichen Machtmissbrauch in der Kirche beispielsweise lässt keinen anderen Schluss zu.

Zweitens hat mich – gerade aufgrund meiner Herkunft aus einem klerikal-geschlossenen, katholischen Kanton – die Tatsache geprägt, dass Religion immer eine politisch-soziale Funktion hat. Entweder ist sie ein Beruhigungsmittel, also ein Opiat, das die Leute mit dem Status quo versöhnt, oder sie fördert Aufbrüche hin zu einer grösseren Gerechtigkeit. Die Wahrheit oder Glaubwürdigkeit einer Religion gibt sich an ihren Früchten zu erkennen. So kann man es schon in der Bibel lesen (Matthäus 7,17ff). Oder anders herum formuliert: Wichtiger als die richtige Doktrin (Orthodoxie) ist das gute Handeln (Orthopraxis). Schliesslich inspiriert mich nach wie vor die «kirchliche Sozialverkündigung». Ich ziehe diesen von Marie-Dominique Chenu eingeführten Begriff jenem der «katholischen Soziallehre» vor.

Bei der Sozialverkündigung steht das Praktisch-Existenzielle und Offene im Vordergrund, während «Soziallehre allzu sehr nach hermetisch-geschlossener Doktrin riecht. Konkret geht es mir um die drei Grundprinzipien: Personalität – im Mittelpunkt aller gesellschaftlichen Einrichtungen und Prozesse steht der Mensch; Subsidiarität – Hilfe darf keine Bevormundung sein, sie ist Hilfe zur Selbsthilfe; und Solidarität oder Gerechtigkeit – politisch-soziales Handeln orientiert sich am Wohlergehen der Schwächsten

Teil II des Gesprächs: Überlegungen zu aktuellen Herausforderungen

Kommen wir auf die Korona-Pandemie zu sprechen und die Folgen davon. Es entspricht der Tradition der (christlichen) Kirchen und Gemeinschaften, sich in Zeiten der Not zusammenzufinden und gemeinsam zu beten. Jetzt sind (fast) alle Kirchen geschlossen.

Odilo Noti: «In der Tat ist die Situation sehr speziell: Ausgerechnet während der Passions- und Osterzeit sind die Gottesdienste der Kirchen nicht öffentlich zugänglich – weil gemeinsames Beten die Gesundheit gefährdet. Ein Bundesratsbeschluss setzte kurzerhand Kanon 1247 des katholischen Kirchenrechts ausser Kraft, wonach die Gläubigen an Sonntagen und gebotenen Feiertagen am Gottesdienst teilnehmen müssen. Bundesrecht bricht also päpstlich approbiertes Kirchenrecht. Da blieb den Schweizer Bischöfen nicht einmal ein «autonomer Nachvollzug» übrig. Sie konnten nur noch Ja sagen und die Gläubigen zur liturgischen Abstinenz auffordern. Noch schwerwiegender als das Verbot der Teilnahme an den Gottesdiensten dürfte für die betroffenen Kirchenangehörigen der Ausfall von öffentlichen Taufen, Beerdigungen und Hochzeiten sein. Immerhin sind jetzt plötzlich online oder telefonisch sakramentale Sündenabsolutionen möglich, dazu auch noch im Kollektiv.

Im Ernst: Viele Pfarreien und Kirchgemeinden geben sich Mühe, mit der schwierigen Situation sach- und menschengerecht umzugehen. Unter dem Slogan «Ein Netz, das hält» bietet etwa die Katholische Kirche Zürich Seelsorge über das Internet an. Zahlreiche kirchliche Einrichtungen verstehen sich als vermittelnde Plattformen für Helfende und Hilfesuchende, informieren über Gesprächs- und Beratungsmöglichkeiten via Telefon, ‘streamen’ Gottesdienste usw. Das ist unspektakulär und unaufdringlich, aber gut und wichtig so. Die kirchlichen Angebote bilden so auch ein wichtiges Gegengewicht zu Selbstdarstellern und selbst ernannten Experten, an denen es in keiner Krisenzeit mangelt.»

Die Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf diese Pandemie. Wie erklärst Du diese so unterschiedlichen Verhaltensweisen?

Odilo Noti: «Wir sollten zwischen Angst und Panik unterscheiden. Die Panik ist ein schlechter Ratgeber. Sie ist der Ausdruck von Kopflosigkeit. Darum hamstern Leute Toilettenpapier. Angst ist dagegen Ausdruck des Überlebensinstinktes und insofern vernünftig. Ohne Angst renne ich ins Verderben. Wenn ich mich ängstige, bin ich vorsichtig und achtsam. Die Behörden sagen uns also richtigerweise, dass wir Angst davor haben sollen, uns selber oder andere mit dem Virus anzustecken. Sie appellieren damit an unsere Verantwortung – und sie stellen sich der Kopflosigkeit entgegen.»

Wie ordnest Du denn die aktuelle Pandemie ein? Welche Orientierungsmarken gibt es?

Odilo Noti: «Wir wissen nicht, wann und auf welche Weise die Krise zu Ende gehen wird. Wir wissen auch nichts über das Ausmass der ökonomischen und politischen Schäden. Wir können bloss die Ausbreitung der Krise verzögern und Mutmassungen anstellen. Das sagen uns auch die Wissenschaftler, die Epidemiologen. Angesichts dieses Nicht-Wissens sollten wir vorsichtig oder – wie Bundesrat Berset immer wieder betont – bescheiden, ja demütig sein.

Das sehen die Bürgerinnen und Bürger ähnlich. Darum verlieren Populisten und Demagogen wie Trump oder Salvini an Boden. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach Fakten und Professionalität. Sie wollen wissen, wie es die Wissenschaftler und die Spezialisten sehen. Und sie vertrauen auf die Behörden und den Staat. Es ist auch wohltuend zu sehen, wie behutsam, die Bundesbehörden mit dem Notrecht und mit Zwangsmassnahmen umgehen. Die wirtschaftlichen Folgen werden uns viel langfristiger und gravierender belasten. Da sollte auch der Bund zulegen. Für kleine und mittlere Unternehmen braucht es Beiträge à fonds perdu und nicht Darlehen. Diese führen nur zur Überschuldung.

In der Schweiz wie in Deutschland ist die übergrosse Mehrheit der Auffassung, dass die Krise nur durch die Massnahmen der öffentlichen Hand bewältigt werden kann. An die Selbstheilungskräfte des Marktes glaubt eigentlich niemand. Auch das Handelsblatt, die führende deutsche Wirtschaftszeitung, sieht es nicht anders. Der Neoliberalismus erfährt also seinen Karfreitag – die soziale Marktwirtschaft dagegen ihre österliche Auferstehung. Das sollte uns aus der Perspektive der christlichen Sozialverkündigung freuen.»

Und die gesellschaftlich-sozialen Folgen der Corona-Pandemie?

Odilo Noti: «Die Corona-Krise verschärft die soziale Ungleichheit. Der deutsche Sozialwissenschaftler Stefan Sell spricht von einer «Hierarchie der Not». Am obersten Ende dieser Hierarchie richten sich die Denkarbeiter im Homeoffice ein und hadern höchstens mit der Qualität der Videoschaltungen. Am untersten Ende befinden sich jene, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Miete oder Krankenkasse bezahlen sollen. Auch das «Home Schooling» dürfte nicht ohne weiteres das «Gelbe vom Ei» sein. E-Learning braucht Tablets, Computer und helfende Eltern. Untersuchungen zeigen, dass sozial privilegierte Kinder während den Ferien weiter an Wissen zulegen. Kinder aus bildungsfernen, also sozial schlechter gestellten Familien, verlieren während der Ferien Wissen. Lernen zu Hause produziert offensichtlich Ungleichheiten.

Katastrophal sind die sozialen Auswirkungen der Corona-Krise vollends im internationalen Kontext: Afrika hat zwar eine vergleichsweise junge Bevölkerung und verfügt mittlerweile über Erfahrungen im Umgang mit Pandemien wie Ebola oder dem HI-Virus. Aber wenn dort das Coronavirus seine Wirkung entfaltet, sind weder finanzielle Mittel noch eine funktionierende staatliche Infrastruktur vorhanden. Und die Weltgemeinschaft hat Afrika mitnichten im Blick. Ähnlich verheerend dürfte sich das Coronavirus in den Flüchtlingslagern am Rand Europas, in Griechenland und in der Türkei, oder im Nahen Osten, also im Libanon, in Jordanien und Syrien auswirken. Angesichts der beengenden Verhältnisse sind «Social Distancing» und häufiges Händewaschen unmöglich. – Wir dürfen diese Aspekte der Corona-Krise nicht aus den Augen verlieren.»

Teil III des Gesprächs: Die Bedeutung von Weltethos heute

Wir erleben die aktuelle Pandemie als globale Erfahrung. Gleichzeitig schliessen (fast) alle Länder die Grenzen, selbst in den USA von Bundesstaat zu Bundesstaat. Ich frage Dich als Präsident der Stiftung Weltethos Schweiz: Gibt uns das Weltethos im Sinne von Hans Küng einen Halt?

Odilo Noti: «Ich meine klar Ja. Das «Projekt Weltethos» ist sehr eng mit den Erfahrungen, Diskussionen und Reflexionen des kosmopolitischen Luzerner Theologen verbunden. Wie seine programmatische Schrift «Projekt Weltethos» ein Jahr nach dem Mauerfall deutlich macht, sind seine Überlegungen dazu nicht einer rein ethisch-philosophischen Theorie zu verdanken. Hans Küng reagiert primär auf globale gesellschaftliche Herausforderungen der Zeit. Dies geht gleich aus den ersten drei Sätzen seiner programmatischen Schrift hervor: «Kein Überleben ohne Weltethos. Kein Weltfriede ohne Religionsfriede. Kein Religionsfriede ohne Religionsdialog.»

Diese einleitenden Sätze wurden 1990 in einer Zeit der globalen Umwälzungen ausgesprochen. Zur Zeit des Endes des West-Ost-Konflikts und des Umbruchs in Ost- und Mitteleuropa formulierten sie grundsätzliche Fragen neu. So etwa die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gesellschaft, die Frage nach dem Gespräch und dem Miteinander zwischen den Religionen und die Frage nach der Relevanz und der Bedeutung von gemeinsam geteilten ethischen Werten, verbunden mit Einsichten und Imperativen wie den folgenden: «Nicht nur Freiheit, sondern zugleich Gerechtigkeit; nicht nur Gleichheit, sondern zugleich Pluralität; nicht nur Brüderlichkeit, sondern Geschwisterlichkeit; nicht nur Koexistenz, sondern Frieden; nicht nur Produktivität, sondern Solidarität mit der Mit- und Umwelt; nicht nur Toleranz, sondern Ökumenismus».

Oft ist die Rede von den zwei Säulen des «Projekts Weltethos». Kannst Du diese kurz erläutern?

Odilo Noti: «In den einleitenden Sätzen seiner Schrift benennt Hans Küng die zwei Säulen, die das Projekt Weltethos ausmachen. Es ist einerseits die Säule des interreligiösen Dialogs. Dieser ist nicht abgehobener Selbstzweck, sondern ökumenischer, weil von einem gemeinsamen Ethos getragener Weltverantwortung und Weltgestaltung verpflichtet. Die zweite Säule bildet der – über die interreligiöse Dimension hinausreichende – interkulturelle Dialog. Er rückt die argumentative Vermittlung von ethischen Werten ins Zentrum. Diese Säule hat im Vergleich zu den Anfängen des Projekts Weltethos, das schwergewichtig, aber nicht ausschliesslich vom interreligiösen Dialog geprägt war, an Bedeutung gewonnen – nicht zuletzt im Zusammenhang mit den globalen wirtschaftsethischen, ökologischen und friedensethischen Herausforderungen. Zugrunde liegen dieser Akzentsetzung die Überzeugung und die Erfahrung, dass gemeinsame Werte unverzichtbare Bausteine für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind. Auf gemeinsame Werte müssen wir uns in den unterschiedlichsten Kontexten verständigen – in Schule und Ausbildung, in Beruf und Wirtschaft, in Politik und alltäglichem Zusammenleben. Diese Werte fallen indessen nicht vom Himmel, sie können auch niemandem aufgezwungen werden. Sie haben nicht Zwangscharakter, sondern beruhen auf Überzeugungen und Einsicht. Auf gemeinsame Werte müssen wir uns in einem vernünftigen Dialog immer wieder verständigen. Das ist eine anspruchsvolle, stets neu anzugehende und nie abgeschlossene Aufgabe, wie uns immer wieder vor Augen geführt wird – sowohl im persönlich-privaten als auch im gesellschaftlich-sozialen Bereich.»

Was hat es mit dem interreligiösen Dialog auf sich? Spielen die Religionen noch eine gesellschaftlich relevante Rolle?

Odilo Noti: «Auch der interreligiöse ökumenische Dialog hat den Charakter eines globalen vordringlichen Desiderats. Religiöse Energien weltweit sind im Guten wie im Schlechten eine Tatsache, die wir nicht unterschätzen dürfen. Bei aller Notwendigkeit der kritischen Hinterfragung von religiösen Ansprüchen wäre es ein Trugschluss zu meinen, nur durch mehr Säkularismus und Humanismus liessen sich die Menschheitsprobleme lösen. Bedeutsamer sind Strategien der Selbstreinigung und der Selbstkritik der Religionen. Religionen sind nun einmal Faktoren der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, ob man sie mag oder nicht. Der Religionsdialog und die Erziehung zur interreligiösen Dialogkompetenz sind und bleiben eine Agenda von höchster Priorität.»

Worin sehen die Weltethos-Stiftungen in Deutschland und in der Schweiz ihre Kernaufgabe? Illustriere uns dies an einem konkreten Beispiel.

Odilo Noti: «Es ist eine bleibende Kernaufgabe des Projekts Weltethos, durch Vermittlung von Sichtweisen und Kompetenzen Mentalitäten zu verändern. Darüber hinaus will es auch konkrete Räume schaffen und Hilfen an die Hand geben für die Begegnung, den Dialog und die Verständigung von Menschen unterschiedlicher Religionen, Kulturen und Lebensweisen.

Neben der Familie sind Kindergärten und vor allem Schulen zentrale Orte ethischen Lernens. Sie bilden Räume, wo gelingendes Zusammenleben in Pluralität und Vielfalt geübt wird. Vor diesem Hintergrund hat sich die Stiftung Weltethos – sowohl in Tübingen wie hier in der Schweiz – von Anfang an konsequent bemüht, ihre Themen und Inhalte Lehrkräften zugänglich zu machen sowie praxiserprobte Lernmedien und Instrumente für den pädagogischen Alltag bereitzustellen. In Kooperation mit Hochschulpädagoginnen und Pädagogen. Sie sind auf unserer Website einzusehen: www.weltethos.ch.»
Doch noch einmal: Ist das Projektethos angesichts der aktuellen globalen Situation nicht eine Utopie?

Odilo Noti: «Ich möchte den geistigen Urheber des Projekts Weltethos zu Worte kommen lassen. In einem Rückblick schrieb Hans Küng unter anderem die nachfolgenden Zeilen zum Weltethos: «Manche hielten dieses Projekt damals für eine reine Utopie. Aber die Weltethos- Idee ist keine Utopie, kein Nirgendwo, sondern sie ist eine Vision: Sie zeigt, wie eine … bessere Welt aussehen soll und kann. Sie ist eine zukunftsweisende Vision: Wir und alle Menschen, die mit uns weltweit daran arbeiten, sind überzeugt, dass der Einsatz für Respekt und Verständigung zwischen den Kulturen und der Einsatz für ethische Standards in der Gesellschaft, auch in Politik und Wirtschaft, Erziehung und Bildung, dringend notwendig ist. Und Weltethos ist eine realistische Vision, die selbstverständlich nicht über Nacht verwirklicht wird, sondern die Zeit braucht. So war es auch schon mit den gesellschaftlichen Fragestellungen vor dreissig oder vierzig Jahren: ein neues Verständnis von Frieden und Abrüstung, eine erwachende Sensibilität für Umweltprobleme, eine neue partnerschaftliche Sicht der Rollen von Mann und Frau. All diese Fragen hatten auch eine ethische Dimension, und das Umdenken dauerte Jahrzehnte – und ist bis heute nicht abgeschlossen.»

Dem ist nichts hinzuzufügen.»

Lieber Odilo. Ich danke Dir ganz herzlich für dieses anregende Gespräch. Wir wünschen Dir und Deinen Lieben weiterhin viel Freude und Erfüllung in Deinen vielfältigen Unternehmungen und alles, alles Gute.

Der Buchtipp zum Gespräch

Möchten Sie mehr von Odilo Noti lesen? Der Sammelband «Caritas ‒ Solidarität ‒ Gerechtigkeit» enthält sozialethische und politische Reflexionen von Odilo Noti, verfasst während seiner 30 Jahre bei Caritas Schweiz. Erschienen im Caritas-Verlag, Luzern 2018, 297 Seiten. Erhältlich direkt bei Caritas Schweiz oder in jeder guten Buchhandlung.

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